Glyfada, Dyros, Peloponnes

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HGr01-45_Hoehlenbucht

Die Schauhöhle Glyfada ist die erste und erfolgreichste Schauhöhle Griechenlands. Sie wurde vom Ehepaar Petrocheilou erkundet und dem Staat als Schauhöhle vorgeschlagen. Nach dem Tod von Herrn Petrocheilou führte der Erfolg der Schauhöhle dazu, dass Frau A. Petrocheilou zur Präsidentin der griechischen Speläologischen Gesellschaft wurde.

Wir trafen Frau Petrocheilou am 21.07.1976 in der Höhle. Die Gespräche mit ihr führten zu einer Tauchaktion am folgenden Tag.

Der „Große Ozean“ ist eine Höhlenseehalle, in der auf einer Seite eine Kluft abwärts zieht. Der Boden wurde bisher auf eine Maximaltiefe von 16m gelotet. Wir erklärten, dass es in der Kluft bedeutend tiefer gehen müsste, was Frau Petrocheilou interessierte.

Plan_Glyfada
Der „Große Ozean“ ist im oberen Ast der Höhle bei der Nummer 16

Es fällt auf, dass dieser nördliche Höhlengang bei den Nummern 16, 15 und 14 sehr linear verläuft. Dieses Faktum hätte Frau Petrocheilou und uns aufmerksam machen müssen. Frau Petrocheilou hatte aber nicht die Fähigkeiten, solche stratigraphischen Besonderheiten zu erkennen und richtig zu deuten – obwohl sie den Plan aufgenommen hatte – und ich selbst war noch am Anfang meiner höhlenforscherischen Tätigkeit und noch nicht genug sensibilisiert. Hätten wir die stratigraphische Situation von Anfang an richtig eingeschätzt, wäre uns der fatale Fehler später nicht passiert, den Dietmar und ich eigentlich mit dem Leben hätten bezahlen müssen, wenn wir nicht den Lottogewinn unseres Lebens gezogen hätten, der uns eine neue Lebenschance brachte.

Ich zitiere aus meinem Tagebuch:

22.07.1976

Um 12 Uhr beginnt unsere Aktion. Wir erhalten ein eigenes Boot mit Führer. Auch Frau Petrocheilou fährt mit, um zu fotographieren. Ich habe entzündete Kopfhöhlen infolge einer Erkältung und darf auf jeden Fall heute nicht tauchen. Trotzdem ziehe ich den Tauchanzug an und lege mich mit Maske und Schnorchel aufs Wasser. Bei regem Führungsbetrieb mit vielen Booten macht sich Dietmar fertig zum Abtauchen. Er führt eine Leine mit, die ich halte. Wir vereinbaren, dass er bei 3-maligem Zug an der Leine zurück kommt. Ich kann ihn eine Weile im klaren Wasser sehen, bis er in der aufkommenden Trübung verschwindet.

Er zieht 45m Leine nach. Nachdem ich eine längere Zeit keine Luftblasen und keinen Lichtschein mehr von ihm ausmachen kann und er auch keine weitere Leine nachfordert, ziehe ich drei Mal an der Leine und fordere ihn damit zum Auftauchen auf. Er kommt langsam nach oben und berichtet:

Maximale Tiefe 30m, es gibt mehrere Fortsetzungen und er hat ein Skelett gefunden – allem Anschein nach ein Säuger in Katzengröße.

Außerdem hat er die 2-Liter-Reserveflasche mit meinem Mark V-Automaten verloren. Deshalb taucht er nochmals ab, stellt aber fest, dass das Wasser inzwischen zu sehr zugetrübt ist.

26.07.1976

Da ich gesundheitlich wieder OK bin, können wir zu zweit tauchen. Dietmar geht zuerst runter, um im 30m-Abbruch auf einem kleinen Absatz mein Reservegerät zu finden. Danach tauchen wir zu zweit ab und wollen das Skelett wiederfinden, was Dietmar im trüben Wasser nicht gelingt. Wir tauchen wieder auf.

Frau Petrocheilou ist enttäuscht wegen des nicht wieder gefundenen Skeletts und wir entschließen uns zu einem weiteren Abtauchen, finden aber nichts Neues. Aber eine 8mm-Filmrolle wird voll.

Am selben Tag fahren wir mit frisch gefüllten Flaschen zu einem weiteren Tauchgang in die Höhle.

Wir dachten, dass die tiefe Kluft eine schachtartige Vertiefung im großen Wassersaal wäre und begingen den fatalen Fehler, ohne Leine abzutauchen. Obwohl das Wasser nicht mehr klar war, meinten wir, wir müssten nur auftauchen, um wieder im Saal zu landen.

FjK+DH

Mein Tagebucheintrag von diesem Abend:

Im Moment – zwei Stunden später – genieße ich meinen Ouzo und fühle mich neu geboren. So langsam ist das, was wir hinter uns haben, als real abgespeichert, obwohl es sich so irreal anfühlt wie Heiligabend und Silvester an einem Tag.

Gegen 18.45 Uhr steigen wir beide – Dietmar und ich – mit proppevollen 10l-Flaschen ohne Leinenführung ab, um in der uns inzwischen bekannten Unterwasserkluft das Skelett zu suchen. Das Wasser war vom Tauchgang zuvor noch ziemlich eingetrübt. Die teilweise unübersichtliche Situation verleitet uns nicht zum Auftauchen, weil wir uns sicher waren, dass wir nur auftauchen müssten, um wieder in der Halle zu landen.  Das Filmen dort unten faszinierte mich, weil die beiden Halogenscheinwerfer am Filmgehäuse fazinierende Einblicke eröffneten. Sogar in 20m Tiefe waren noch Stalagtiten zu finden.

Hinter einer Spalte brach der Boden in die Tiefe weg. Wir tauchten ein Stück weit nach unten und danach zum Austauchen nach oben. Zu unserer Überraschung landeten wir nicht in der Halle, sondern in einem jungfräulichen Raum, 50-100cm hoch, 5-6m breit und 10-15m lang, der vollstsändig mit weißen Spaghettis und Stalagtiten ausgekleidet war, so dass wir nur wenige Platz zwischen Wasserspiegel und Deckenversinterungen hatten. Wo waren wir gelandet? Nur keine Panik…

Unter uns ist alles verlehmt. Die Brühe macht mutlos. In etwa 10m Tiefe erkennen wir Schlierenbildung, die Schicht, in der sich kaltes Süßwasser mit warmem Meerwasser mischt. Wir haben noch ein Drittel unserer Luftreserven und müssen etwas unternehmen, denn Hilfe für uns wird nicht kommen.

Da der Raum Verbindung zum Schauhöhlensystem haben könnte, rufe ich. Keine Reaktion. Ich schwimme den gesamten Raum ab und rufe mit abgezogener Kopfhaube, um zwischen dem Glucksen des Wassers eine evtl. Antwort hören zu können. Keine Reaktion.

Uns wird klar, dass wir das Unwahrscheinliche machen müssen: Abtauchen und suchen. Ein erster Versuch misslingt. Ich fühle mich natürlich auch für Dietmar mitverantwortlich und mache uns beiden klar, dass wir uns jetzt konzentrieren und auf das Wesentliche fixieren müssen.

Abtauchen bis auf -20m, Filmscheinwerfer an – und ein Portal mit klarem Wasser lockt. Dass wir von hier gar nicht gekommen sein könnten, wird uns nicht bewusst. Bei allem immer die Orientierung nach hinten zur Luftglocke – falls etwas schief geht. Wir tauchen eine Kluft entlang – und sehen plötzlich über uns eine Lichtschein. Wir tauchen hoch und finden eine Unterwasserlamge, die aus einer Spalte heraus den Führungsweg beleuchtet.

Ich rufe wiederum – keine Antwort. Irgendwo bellt ein Lautsprecher los, kein Wunder, die Öffnungszeit ist jetzt um 20 Uhr zu Ende. Ich schwimme in Richtung der  vorherigen Lautsprecherstimme und begegne einem Führungsboot mit Touristen, die ungläubig staunen. Ich frage nach dem Weg in die Halle, was nach erstem Erstaunen Heiterkeit auslöst. Ich hänge mich hinten ans Boot und wir sammlen noch Dietmar auf.

In der Halle sind die anderen am Rotieren. Wir waren viel zu lange weg. Wir erklären kurz, packen alles ins Boot und fahren zum Ausgang.

Die Geschichte ist komplett irre. Wir haben zwei Fehler gemacht, von denen jeder tödlich sein müsste: Ohne Führungsleine in einer solchen Situation und den Rückweg im klaren Wasser zu suchen – beides für sich ist jeweils eine absolute Fehlentscheidung. Und trotzdem führten sie aus der Situation heraus.

Das war keine logische Folge von Verhalten und Ergebnis – es war reines Glück. Das ist uns bewusst. Und es macht die Unwirklichkeit des gesamten Geschehens deutlich.